Tübinger Thesenanschlag: Tom Sawyer Fragmente
[1] Kein Wort googlen sie seltner als das "Himmel! das habe ich alles..."
[2] "Himmel! das habe ich alles in meinem Lande, in meiner Geschichte, rings um mich liegt der Stoff zu diesem poetischen Gebäude; aber eins fehlt: poetischer Geist. Bewundern müssen wir euch, ihr Alten, und die Augen niederschlagen: ihr erhobt Kleinigkeiten aus dem Staube zu einer glänzenden Höhe; wir lassen die ganze Schöpfung um uns öde und wüst trauren, um euch nur zu plündern und das Geplünderte elend anzuwenden."
[3] Herders Begriff vom Mythologiegebrauch ist größtmöglich individuell, größtmöglich dynamisch, produktiv. In Herders 2xx Jahre alten Worten erkennen wir unsere Fluchtchancen: INDIVIDUALITÄT, DYNAMIK, PRODUKTIVITÄT! sind die Namen auf unseren Bannern, die wir zerrissen haben, ein Leben lang mit uns tragen, in unseren Herzen und Köpfen nach einer Woche verloren haben, uns immer schon scheitern ließen, ein wir zu erkennen, die nicht negativ, ironisch, positiv gemeint sind, sondern pragmatisch, in jeder Situation angemessen das Rechte meinend. Die Rechthaberei ist das Trutzschild und die Umarmung, die wir unseren Mitmenschen entgegenbringen.
Sokrates kannte zwei Arten, um seine Mitmenschen von der Wahrheit zu überzeugen: Seinen Freunden gegenüber wandte er die Induktion an, für seine Feinde aber sparte er die Ironie auf. Nun schließt das eine nicht das andere aus und kann sich beides durchaus ähneln und so ist jedes sich-klar-Werden über Sokrates' Worte auch manchmal eher eine Entscheidung über Freundschaft oder Feindschaft, also, Einstellungssache.
[4] Was aber die Aufgabe jeder Mythologie ist, das ist die Belebung.
[5] Das alles ist aber schon immer falsch. Denn je präziser eine Aussage ist, um so mehr lässt sich gegen sie einwenden. Die ruhigsten Menschen sind ja die Synkretisten: Dass die vielseitigsten Galaxien in der Abstraktion irgendwann zu einheitlichen Punkten werden, das ist recht unzweifelbar.
[6] Was sich heutzutage unter dem Wort INDIE versteht, das ist ja eigentlich angewandte Rhetorik: In jeder Situation das Glaubenerweckende zu erkennen und es für seine Ziele zu nutzen.
[7] INDIE heißt Unabhängigkeit. Darum ist das Ideal des INDIE der radikal Undogmatische. Sein sich entwickelndes Wissen über die Welt führt nicht zu einem aaaabsoluten Zustand, sondern gerade zur Offenheit für immer neue Erfahrungen.
Offenheit meint aber nicht Nihilismus! Offenheit das ist ja Erfahrung, die sich immer wieder zu bewähren hat. Und was sich bewährt, das hat ja Gültigkeit. Darum ist auch jeder Vorwurf der Morallosigkeit gegenüber der Rhetorik unhaltbar. Was das Morallose an der Rhetorik sein soll, das ist im Grunde ihre Offenheit. Es gibt ja keinen rhetorischen Grundsatz, von dem sich alles weitere deduktiv herleiten würde. Vielmehr eklektisch: Logos, Ethos, Pathos sind die Bereiche aus denen sich die Rhetorik legitimiert. Rationalität, Normativität und Emotionalität haben alle ihre Berechtigung. Wo das angezweifelt wird, da ist es der Versuch aus dem Triumverat eine Alleinherrschaft zu machen.
[8] INDIE ist der temporäre Begriff für eine dynamische Lebensweise. Wofür er steht, standen in der Vergangenheit andere Begriffe, werden in der Zukunft andere Begriffe folgen. Das ist aber falsch. "Wofür er steht" - das drückt ja Konstanz aus. Die sich wandelnden Begriffe sind eher Ausdruck der ständigen Wiederbelebung, Wiederanpassung an das Lebendige.
[9] "Kurz! als poetische Heuristik wollen wir die Mythologie der Alten studieren, um selbst Erfinder zu werden."
[10] "Lernet von ihnen die Kunst, euch in eurer ganz verschiednen Sphäre ebenso einen Schatz von Bildern verdienen zu können."
[11] Das Spiel ist von allen Veranstaltungen die produktivste. Die Unbedingtheit des Spiels ermöglicht die Anwendung nahezu aller Tätigkeiten unabhängig von ihrer rationalen, normativen oder persönlichen Fragwürdigkeit. Es ist der Pakt der zeitlich begrenzten Simulation, der dies ermöglicht. Die Eigenheit des Spiels ist ja die Erschaffung eines bestimmten Spiel-Kontextes, der die Tätigkeit über seine anderen Kontexte hinweg bestimmt. (Ich denke an Wahrheit oder Pflicht, Boxen) Grundzug jedes Spiels ist die Umdeutung von Tätigkeiten und bestehenden Handlungen in Spielhandlungen.
[12] Das Fragmentarische ist ganz und gar nicht Pflicht. Es ist ja Spiel mit bestehenden Mustern. Wenn schon nicht Neuschaffung, dann wenigstens Neukombination. Retro.
[13] In meiner Kindheit hatten wir drei Kassetten, die wir jeden Abend gehört haben: Eine Knight Rider-Folge, in der KITT in ein Säurebad geworfen wird; eine Kassette mit der Reise des Columbus auf der einen und den Diebstahl der britischen Kronjuwelen auf der anderen Seite; eine Kassette mit Heinz-Harald Kunze und dem Dirty Dancing Soundtrack. Ich möchte das um keinen Preis gemisst haben.
Frau W. erzählte mir, wenn sie noch einmal jung wäre, würde sie nur noch mit dem Wohnmobil durch die Länder reisen. Ihre Wohnmobilreisen waren immer so wunderbar. Verdammte Romantikerin! In der Erinnerung redet sie sich alles schön zurecht!!
[14] Half-Handed Cloud - Feed Your Sheep A Burning Lamp
Dennis S - 26. Mai, 18:47
