Endlich schlugen sie den Strokesbaer am nächstgelegenen Baum auf. Mit ihren tierischen Augen verfolgte die Lupa - durch das hohe Gras vor unerwarteter Entdeckung geschützt - das menschliche Spektakel, das sich an dieser Blutbuche vollzog: gleich einer Kreuzigung wurde der aufgeschlagene Kerl an den Baum gebunden und ohne Hoffnung auf Errettung dem langsamen Sterben ausgesetzt. Klopften sie ihm die widerständige Brust mit einem Hammer weich. Sein siebenschlaggequältes Herz weinte. Hatte er doch mit allem Unrecht? Sie vergaßen seine Beine anzubinden und in einer ganz unmöglichen Szene geschah dieses: Wie gewollt kackte er aus seinem Po heraus auf seine Hacken. Mit einer Akrobatik, die ich nicht erwartet hatte, nie gesehen hatte, kickte er den Scheißehaufen auf seine Knie und schließlich in den Mund. Fraß er seine eigenen Exkremente mit Stärke und Unterwerfung. Ich ekelte mich und konnte nicht wegsehen. War euphorisch. Er stank. Ruslan ?
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Bricht der Wagen schon wenige Hundert Kilometer hinter der Grenze zusammen. Wir sind in Tsch. Mit Mühe rollen wir den Xsara bis ins nächste Autobahndorf. Der ansässige Car-Mechaniker versichert uns: "Nichts zu machen. Keilriemenriß."
War das also das vorzeitige Ende unserer Tour in den Osten? Wir hatten ja noch nicht einmal den Berg
gesehen. - - -°o. Während ich weinte, unaufhörlich weinte (als wenn die Welt an ein Ende gekommen wäre) brachte uns ein älterer Mann, den wir später als Papa Patros (Ruslans Schwiegervater) kennenlernen sollten, Ziegenkäse. Mild und würzig. Nach dem Originalrezept seiner Heimat, wie er uns immer wieder versicherte. Ich wusste aber, dass Kuhmilch darin war. Ich merkte es am Geschmack: Er war blass und dumpf. Ich schnappte mir mit Tränen in den Augen ein Stück seines Heimatrezeptes und wusste, dass es diese Welt ist, dieser Augenblick: meine Erwartungen waren viel größer gewesen und was sich als emotionale Stumpfheit getarnt hatte war Enttäuschung. Pure Enttäuschung über Patros' grüne Strickjacke, seinen griechenroten Schal und seine lächerliche Baskenmütze (dieser Großvaterbart) und Heike und ihre lächerliche Freundin Manon: das war alles falsch. Wo waren die wirklichen Entdeckungen? Flasch.
Wörter, die Heike mag: Konfetti, Zirkus, Flummi, Eisenbahn
Liebesgeschichte zwischen Ruslan und Heike auf dem Heuwagen: schippte er auf; sie lachte jedes Mal, wenn Strohfunken sie trafen, auch wenn er es nicht beabsichtigt hatte. Sie verführte ihn, wickelte den starkbrüstigen Bauernsohn in ihre klebrigen Finger.
Heikes Gerede über Ruslan, dass er der Richtige sei und sie ganz unvermittelt die Liebe gespürt hätte in seinen Augen, in seinen Haaren, seinen Hüften tscher Schönheit.
Ruslans muskulösen Arme und Beine, die aussehen wie übersäht von Brüsten. Sein Tittenrücken und seine Busenwaden, die aus ihm ein mutiertes Brusttier machen; hätte er Milch geben können für eine ganze Säuglingsstation.
(Ma)Ria, das schüchterne Mädchen mit den wildblonden Haaren, hätte ohne Probleme in jedem Märchen mitspielen können. Ihr leichtes Jutenkleid und die zerfahrenen Haare konnten ihre Schönheit nicht verbergen. Im ganzen Dorf war sie beliebt, weil sie mit dem größten Eifer ihrer buckligen Großmutter half und sie aufrichtig liebte. Und sie schenkte jedem im Dorf ihr unbezahlbares Lächeln. Sie war 2 Jahre jünger als Ruslan. Die alten Tanten schwätzten immer, was für prächtige Kinder Ruslan und Ria haben würden - die beiden wurden jedesmal wütend, aber auch verlegen. Der einfache Ruslan merkte nicht, dass sich die hübsche Ria heimlich in ihn verliebt hatte. Die schüchterne Ria merkte nicht, dass Ruslan ihr beim Heuladen verstohlene Blicke zuwarf, während Heike immernoch über die zufälligen Strohfunken lachte und fröhlich "Aufhören! Aufhören!" schrie.
In Ruslans Bauernkopf starben die Ideen wie männliche Küken in der LW-Produktion: Die anwendungsfreie Umgebung erstickte sie einfach.
Ruslans Bauernschläue, die sich nicht in Schulmeisterei ausdrückt. Seine smarter Umgang mit der Umwelt und die unvorhersehbare Richtigkeit dessen, was er tut. Sein Wissen, das am Alltag geschult ist, sowie seine Souveranität mit jeder Situation problemlos umzugehen. Sein Erfahrungsschatz, der über Generationen weitergegeben wurde und sich mit fester Gewalt über unsere Einwände hinwegsetzte ("Beim Heuladen immer eine Hand auf dem Heu lassen, sonst fliegts weg").
Als Ruslan sich dafür entschied (Heike für ihn entscheiden würde), uns zu begleiten, ließ er damit gleichzeitig Ria allein zurück. In der Abwesenheit des verpassten Ruslan warf sie sich einem Säufer an den Hals, der sich allerlei auf seine Jugendgedichte einbildete und immer von seiner Zukunft als Schriftsteller sprach. Sie lebte mit ihm als Schäferin am Rand der Stadt. In den Jahren der Ehe verschwand er jeden Abend und trank maßlos: Soff er die ganze Welt mit Wollust als Rumpfirsich aus. Liter und Gallonen. Auf den nächtlichen Heimwegen floß es dann wieder aus ihm raus: In Poesieströmen aus allen Öffnungen seines Körpers. Seine Schreibe wurde dadurch wirklich besser! Anfangs war es ein einziges Wörtergepullere. Jetzt warf er ganze Brocken. In allen Ecken des Dorfes konnte man sie finden. Gelb, braun und alabaster. In einem November aber hängte sich der Literat aus Versehen an einem Zaun auf, verdrahtete sich durch Hals und Zwerchfell, so dass das Blut nur so aus ihm raus schoß. Ein gewaltiger Kraft-Akt der Liebe schenkte der Welt noch ein letztes Meisterwerk des Herzbluts. Für diesen Geniestreich gab er sein Leben. Ria weinte vor Glück und verkaufte das Werk für eine stattliche Schafherde an einen deutschen Verleger. Keine Frage, das Buch war ein Bestseller. In den Feuilletons lobten sie die Körperlichkeit.
( Würde Heike Ruslan später einfach am Fuße des Berges zurücklassen, ihn mit einem Mal unheimlich plump finden: "So ein Idiot.")
Als wir einmal Pause machen, essen wir Stullen. Siebenkorngefülltes Mischbrot.
Sind wir einen Abend bei Ruslans Familie eingeladen. Die Übereifrigkeit der Eltern und der reichlich gedeckte Tisch. Die 50köpfige Verwandtschaft, die ohne Ankündigung da ist. Ausgelassene Stimmung und ein Heer von Katzen.
Auf dem Dachboden von Ruslans Vater: Hier war allerlei Müll zusammengetragen. Alles was über die Jahre nicht verfiel, wurde hier aufbewahrt. Typischer Fall von Nicht-Wegwerfen-Können. Und auch natürlich haufenweise Allerkitschiges und Lächerliches aufgetürmt in unübersichtlichen Klumpen. Über wandlange Stromkabel und Kleinstlampen leuchtete er die ihm grade liebsten Ramschwaren an.
Meine Touristentheorie:
photo.sound.souvenir.
Speichere ich die fremden Orte in Ton, Bild und Ramschwaren. Der Gedanke dahinter ist, die Fremde nicht direkt zu greifen, sondern als Umweg. Die Unmöglichkeit, Eindrücke unmittelbar zu bewahren, potenziere ich durch meine Wahl der Speichermedien. Speichert das Foto einen Moment, der in der fremden Wirklichkeit so ja nie zu Bewusstsein tritt. Unnatürliche Stopptaste. Die Tonaufnahmen erlauben eine Einzelwahrnehmung der Geräusche, die sonst mit allen anderen Sinnen vermengt ist. Das Mikro nimmt Dinge auf, die ganz unterschiedlich vom Normal-Hören sind. Die Souvenire sind schließlich Gegenstände, die in der Fremde zumeist überhaupt nicht verwendet werden. Was ich speichere, ist genau das, was man im Alltag der Fremde nie erlebt. Dadurch wahre ich den Respekt zum Fremden. Ein Video hätte alles zu gewöhnlich gemacht.
Auf dem Compound ist ein Fußballfeld. Wir spielen um eine Runde Vodka pro Partie. Ostblock gegen Westblock. Ich frage, ob ich beim Ostblock mitspielen kann. Unverständnis auf Seiten der anderen.
Dennis S - 19. Jul, 16:36